Karlsbad.

Der Kurort mit gut 50.000 Einwohnern liegt nur knappe 3 Stunden von Leipzig entfernt, und lohnt unbedingt einen Wochenendausflug! Ich glaubte, Karlsbad sei im November ein stillverträumter Ort, „Venedig-im-Winter“-ähnlich, mit nasskalten Blättern, die über Brücken wehen, und einsamen Touristen, die Schultern fröstelnd hochgezogen und murrend, daß man/frau just zu dieser Jahreszeit quer durch Gebirge und Nebel in den Kurort fahren wollte. Und nun das: Touristen aller Herren Länder flanieren am Tepl entlang und tragen die dicken Jacken bei 6 Grad mit einer Leichtigkeit, die man nur von schulterfrei kennt. Abends um 6 spielt an der Promenade ein Saxophon und selbst wenn´s Mai wäre, könnte es fast nicht schöner sein. …

Karlovy Vary.

Unser kleines Hotel, das Zar Peter der I. im November 1712 besuchte, hat 23 Zimmer und liegt den Mühlenkolonnaden schräg gegenüber. Direkt unter dem Dach ist unser wunderschönes Zimmer, bei geöffnetem Fenster hört man den Fluß und das Klappern der Pferde auf dem Kopfsteinpflaster. Die Freisitze der unzähligen Cafés sind gut besucht, Schaf-Felle auf den Stühlen und Heizpilze, deren Job heute Vormittag die Sonne übernahm. Die Gegend rund um all die Kolonnaden ist bilderbuchschön. Alle Häuser sind zuckersüß mit Säulchen und Treppchen und Stuck und Metallgitterchen und bunt und verziertem Glas und Jugendstilornamenten. Der Fluß, der höchstens entenbeintief ist, rauscht wie ein Großer, und wirft sich unter all den Fußgängerbrücken glänzend ins Bild. Alles ist Fußgängerzone, nur auf die paar Kutschen muß man achten, aber ansonsten hat die taubenfütternde Oma das gleiche Besitzrecht an der Straße wie die asiatische Reisegruppe und die starkdekorierte junge Russin, die vor ihrem Selfiestick die Lippen schürzt. Alle großen Marken drängen sich hier in kleinen Läden – Was soll Paris, New York oder Mailand, hier gibt’s alles, was teuer ist, glänzt und kitscht auf engstem Raum! In einigen der Luxusläden spricht das Verkaufspersonal nur russisch, was den Karlsbader verständlicherweise stört, mir aber den Vorteil verschafft, daß ich den meisten Gesprächen auf der Straße folgen kann. Trotz all dem Protz wirkt die Stadt erfrischend entspannt: Die Hälfte der Touris trägt einen der karlsbadtypischen Porzellanbecher, die Schnabeltassen ähneln, in der Hand und nippt ununterbrochen am Heilwasser (Was übrigens eine großartige Wirkung haben muß, denn schmecken tut’s grauslig.)

Wir sind mit dem Reiseführer in der Hand jeden Tag einfach losgelaufen. Zum Beispiel einfach auf der Flußpromenade entlang Richtung Grandhotel Pupp. Vorbei an Schmuckläden noch und nöcher und an Cafés, von denen fast jedes so einladend aussah, daß man wünscht, alle testen zu können. Unsere 4er-Reisegruppe ist langsam. Ich könnte dies auf meine Eltern schieben, doch liegt’s tatsächlich an mir. Da wollen Brücken und Häuser fotographiert werden und hübsch verschnittene Platanen, und überall gibt’s was zu sehen und zu entdecken. Zum Beispiel Enten auf blätterbedeckten Teichoberflächen im Kurpark, wie hingeputzt für’s Herbstmotiv. Oder Tauben, die zwar wissen, daß sie keine Enten sind, aber sich am Uferrand daruntermischen, um ihren Teil vom Kuchen abzubekommen. Ich trollere Ewigkeiten hinter den anderen hinterher, und der beste Ehemann aller Zeiten, der auch der beste Schwiegersohn aller Zeiten ist, versucht, bei meinen Eltern Verständnis für ihre Tochter und die symbiotisch dazugehörige Kamera zu wecken. Das Stadtmuseum, dessen größte Attraktion laut Reiseführer die „lange Liste berühmter Persönlichkeiten, die schon hier waren“ ist, hat geschlossen. Größere Umbaumaßnahmen scheinen im Gange zu sein, vielleicht ist die Liste mittlerweile zu lang und braucht mehr Platz. Dies wäre nur wenig verwunderlich, denn glaubt man den Fotos in den Hoteleingängen, bringt das jährliche Filmfestival im Frühjahr Hollywood-Stars und Sternchen en masse hierher. Heute sind’s nur wir. Und all die anderen Touristen und Ausflügler, die sich an der unerwarteten Sonne erfreuen. P.S.: Wer auch immer das Vermarktungsprogramm für „Karlovy Vary im November“ für den chinesischen Markt unter seinen Fittichen hat: Der- oder diejenige macht einen verdammt guten Job…

(Ganz praktische Reisetipps gibt´s unter der Bildergalerie.)

Praktische Reisetipps für Karlsbad.

Anreise: Wer von Leipzig aus startet, durchquert das Erzgebirge auf einer steilen, recht kurvenreichen Strecke, was bei Nebel und Regen, oder wenn in den Abendstunden die Wolken in den Bergen hängen, durchaus sportlich ist. Am besten tagsüber fahren – ein Stau am Grenzübergang ist ja nicht zu erwarten  🙂 … Hinter der Grenze geht´s durch den Ort Joachimsthal, der entlang der Straße ziemlich mitgenommen aussieht. … Da heißt es „optimistisch bleiben“ – Karlovy Vary überrascht dann um so mehr.

Im Ort: Wer ein Hotel in der Fußgängerzone gebucht hat, darf in diese für das Be- und Entladen kurz einfahren. Da diese jedoch teilweise nur über sehr steile Straßen mit Kopfsteinpflaster, die sich gelegentlich als Sackgassen und häufig als Einbahnstraßen entpuppen, zu erreichen sind, empfiehlt sich insbesondere im Winter ein gutes, aktuelles Navi oder Ortskenntnis.

Unterkunft: Karlovy Vary hat tatsächlich unzählige kleine und große Hotels und Pensionen, da ist für jeden etwas dabei. Die meisten Unterkünfte haben Wellnessangebote und Schwimmbäder im Angebot. Zu beachten ist, daß die bekannte Therme des „Hotel Thermal“, die am Hang liegt und vom Ganzjahresaußenbecken einen wunderbaren Blick über die Stadt bot, seit mehr als 2 Jahren geschlossen ist – und es sieht nicht so aus, als ob sich das in Kürze ändern wird.

Was man gemacht haben sollte an einem Wochenende: An der Promenade in der Sonne sitzen, mit der Pferdekutsche fahren (halbe Stunde rund 40 EURO für 2 – 4 Personen), mit der kleinen Seilbahn zum Hotel Imperial hochfahren und dann über die Treppen wieder hinunterlaufen (Die Fahrt kostet knapp 80 Cent, führt aller Viertelstunde hoch auf den Berg, dauert gefühlt nur 20 Sekunden und ist ein großer Spaß). Mit der „großen“ Seilbahn hoch zum Aussichtsturm „Diana“ fahren (Der Zustieg ist direkt neben dem Grandhotel Pupp, auf halber Höhe kann man zum „Hirschsprung“ aussteigen). Bier trinken 🙂 … Heilwasser kosten (Wem die Schnabeltassen zu unpassend scheinen, der kann in der Tourist-Info, die unweit der Mühlenbrunnenkolonnaden ist, eine Bügelflasche kaufen, auf der alle Quellen mit den Wassertemperaturen angegeben sind). Oblaten kaufen. Gefüllte Quarkknödel (süß) oder echte Böhmische Knödel (herzhaft) essen. Postkarten schreiben (Briefmarken gibt´s in der Touristinformation, kosten pro Karte innerhalb Europas ungefähr 26 Cent, ein Briefkasten ist unweit des Theaters). Von einer der Brücken die Enten füttern.

Gut zu wissen: Wer direkt und „nur“ nach Karlovy Vary fährt, braucht auf der Autobahn keine Maut zu bezahlen. Im Ort wird Kurtaxe fällig. In fast allen Hotels und Restaurants sind die Karten komplett mehrsprachig (Englisch, Russisch, Deutsch, Chinesisch…), man kann sich in der Innenstadt fast überall mit Deutsch oder zumindest Englisch verständlich machen. An den 13 Heilquellen kann man das Wasser jederzeit kostenfrei entnehmen. (Das Wasser der Freiheitsquelle „Svoboda“ soll laut Reiseführer stark abführend wirken! Wir haben es NICHT ausprobiert.  🙂 ) In der Tourist-Info gibt es kostenfrei mehrsprachiges Kartenmaterial. Der Umrechnungskurs beträgt aktuell ungefähr 1 : 25 bis 1:27 (Euro zu Kronen). Wechselstuben und Bankautomaten gibt es zahlreiche in der Fußgängerzone, in den Hotels kann auch getauscht werden.

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