Ein Weihnachtsfleisch auf Reisen.

Nach einer wahren Geschichte. … Heiligabend plante Herr B. mitsamt seiner Familie bei den Schwiegereltern in der unweiten Ferne zu verbringen. Seine Gattin war mit dem kleineren Kind bereits vorgefahren, er wollte mit der größeren Tochter im Laufe des Nachmittages per Zug nachreisen. Sein Auftrag lautete, gute Laune, die Erstgeborene sowie einen großen Koffer mit sich zu führen. Im Koffer befanden sich die Weihnachtsgeschenke, die zwingend getrennt vom kleineren Kind transportiert werden, und 5 Kilogramm tiefgefrorenes Fleisch, die zum Heiligabend mit passenden Beilagen die Familie nähren sollten. Die Zugfahrt gestaltete sich überaus angenehm, die Bahn war feiertagsleer, das Personal gut gelaunt und die Vater-Tochter-Konversation herzerfrischend. Die Stimmung trübte sich nur unwesentlich, als das Töchterchen während des Umsteigens in Roßlau bemerkte, daß der gut gefüllte Koffer wohl den Umstieg verpaßt hätte und nun alleine weiter gen Magdeburg unterwegs sei.

Vater und Tochter lachten herzhaft. Diese heitere Grundstimmung wurde weder von der Gattin noch von der Schwiegermutter geteilt, die beide fast umgehend telefonisch informiert wurden, es legte sich sogar eine leicht frostige Grundnuance über das Telefonat, in der mütterlichen Frage mündend, was man dem kleinen Sohn denn nun hinsichtlich der Zuverlässigkeit des Weihnachtsmannes erzählen solle. Herr B. setzte die große Tochter zur Weiterfahrt in den nächsten Zug und verblieb selbst auf dem Bahnsteig in Roßlau, die verschiedenen Lösungsmöglichkeiten wohl abwägend. Im besten Falle würde sein Koffer nach Magdeburg reisen, in der Fundstelle abgegeben und nach Wochen, in denen das Fleisch nicht nur aufgetaut, sondern wahrscheinlich komplett in einen neuen Aggregatszustand übergegangen wäre, an einen nur wenig glücklichen neuen Besitzer versteigert werden, der beim Öffnen unweigerlich einen olfaktorischen Schock erleiden würde. Im schlechtesten Falle würde der Zugbegleiter auf dem Weg nach Magdeburg einen herrenlosen Koffer in einem leeren Abteil finden, Spürhunde zur Identifizierung des Inhalts herbeirufen, diese würden das Fleisch riechen und voll Begeisterung Laut geben, ein Sprengkommando würde anrücken und den Koffer fachgerecht entsorgen, so daß Fleisch und sonstiger in Geschenkpapier verpackter Kofferinhalt sich gleichmäßig im Zug verteilen und Herr B. die nächsten Monate damit zubringen würde, die entstandenen Bahn-Sanierungs- und Fleischspreng-Entsorgungskosten zusammenzutragen. Herr B. war daher wild entschlossen, dem Koffer hinterher zu fahren (Bis Magdeburg, wenn´s denn hätte sein müssen) und ihn schnellstmöglich als gefahrlos zu identifizieren… Heiligabend hat man ja auch sonst nichts weiter vor, und die Familie wußte er zwar hungrig, geschenke- und fleischfrei, aber warm im schwiegerelterlichen Heim.

Auf dem zugigen Bahnsteig in Roßlau stehend, kontaktierte Herr B. die Bahn und schilderte sein Dilemma. Er bat darum, den Koffer in Magdeburg aus dem Abteil zu nehmen und zu verwahren, er würde mit dem nächsten Zug nachkommen, den Koffer abholen und dann die Reise zur hungrigen Familie fortsetzen. Die Bahn wiederum kontaktierte den Zugbegleiter und schlug vor, den Koffer im Zug, der von Magdeburg planmäßig wieder retour nach Roßlau fuhr, zu belassen, so daß er vom Zugbegleiter an Herrn B. quasi im fliegenden Wechsel übergeben werden könne. Dieser grandiose Vorschlag zog zwar nach sich, daß Herr B. mehr als 1 Stunde 45 Minuten am Heiligabend auf dem windumpfiffenen Bahnsteig von Roßlau in der Kälte verbringen mußte, doch Herr B. ist noch jung und hielt seine Körpertemperatur und seinen Kreislauf in Schwung, indem er die Treppen zur Unterführung mehrfach mit Elan von oben nach unten und retour passierte. Wie Rocky hätte er sich gefühlt, so berichtete er… Wer den Roßlauer Bahnhof kennt (2 Gleise, ein verschlossenes Bahnhofsgebäude), weiß: ähnlich einsam muß es auf dem Weg zum Ruhm gewesen sein. …

Der Zug kam rechtzeitig, mit ihm der Zugbegleiter, und mit ebenjenem der vermißte Koffer. Herr B. war somit erfrierungsfrei aufs Neue stolzer Besitzer von allen Weihnachtsgeschenken und 5 Kilo Fleisch. Die Bescherung fand am Abend nach der Ankunft des Duos (Koffer und Herr B.) statt, sein Engagement wurde innerfamiliär ausreichend gewürdigt und nach der Bescherung und dem gemeinsamen Abendessen fuhren Herr B. und die Erstgeborene, die nun um einen Koffer an Gepäck leichter geworden waren, wieder beschwingt gen Heimat. …

In der Nacht bei den Schwiegereltern übergab sich das kleinere Kind. Könnte Aufregung gewesen sein … – oder die unterbrochene Kühlkette. Dieses Weihnachten, ist Herr B. sich sicher, wird familienintern unvergessen bleiben.

  • So wurde es mir berichtet im Januar 2018 bei einem Glas türkischem Tee.

 

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