Zug um Zug.

Trotz aller Hindernisse und Widrigkeiten, die sich gelegentlich vor dem Deutsche-Bahn-Reisenden auftürmen, weiß er es zu schätzen, daß er Wochen im Voraus den Zug und den Platz seiner Wahl buchen kann, und auch im gleichen Moment dank der auf dem Ticket angegebenen Gleisnummer und dem grandiosen deutschen „Wagenstandsanzeiger“ schon weiß, an welchem Gleis und auf welchem Meter genau die verabschiedende Gattin weißbestofft und tränenreich winken, oder der sehnsuchtsvolle Gatte seine Holde in Empfang und ihr den Koffer abnehmen darf.
Noch wehmütiger zu schätzen lernt man dies an Pariser Bahnhöfen. Als geübte halbdeutsche Bahnfahrerin begab ich mich vor geraumer Zeit nach einigen Urlaubstagen mit meinem Sohn zum Gare de l´Est, auf der Suche nach unserem TGV gen Heimat. Auf dem Ticket war kein Bahnsteig vermerkt, keine Anzeigetafel offerierte irgendwelche Gleisnummern, also vermutete ich einen komplizierten technischen Defekt und begab mich mit der typischen Gelassenheit, die problemerfahrenen DB-Kunden zu eigen ist, zum Informationsschalter, der in Frankreich definitiv nicht Service Point heißt, weil die Franzosen ihre eigene Sprache sehr wertschätzen, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte. Mit meinem Ticket wedelnd fragte ich die junge und augenscheinlich auskunftswillige Dame in ziemlich flüssigem Französisch nach „unserem“ Gleis, erntete jedoch auf zwei Versuche nur verständnislose Blicke, und die Antwort, sie wisse es ja nicht, und mußte somit meinem Sohn gestehen, daß entweder SIE oder ICH ein schlechtes Französisch spräche, da eine Verständigung nicht möglich sei. Was tun? Kind, Koffer, Zeitdruck und keine Ahnung wohin, so reihten wir uns in die Traube der Menschen, die gleichfalls planlos auf dem Querbahnsteig zu stehen schienen, ein.

Mit dem Zug von Paris nach Leipzig

Eine neben uns wartende Landsmännin, routinierter mit den Pariser Verhältnissen, klärte mich auf, daß es dort IMMER so sei, daß man erst 10 Minuten vor Abfahrt erfahre, an welchem Gleis der Zug startet, und daß auch der Informationsschalter selbst es tatsächlich IMMER erst kurz vorher erfährt, und daß die Züge IMMER erst kurz vor Ankunft je nach Verfügbarkeit der freien Gleise ad hoc verteilt werden. Was dazu führt, daß mit dem Erscheinen der langersehnten Gleisnummer auf der Anzeige alle bis dato Wartenden plötzlich mit Kind, Kegel und Koffer losstürmen, um rechtzeitig das Gleis zu erreichen, und ihren Wagen zu finden, … Für das strukturierte Herz ein Chaos!
Bestimmt wäre den bahnreisenden Franzosen mit einem „Wagenstandsanzeiger“ und dem dahinterliegenden Bahnplanprinzip echt geholfen … und bestimmt würde der Begriff auf Französisch wunderbar romantisch klingen. Er ließe sich in einer verschnörkelten Schrift auf Kissen drucken, und auf Dekoschilder, und auf kleine Vasen, und ein Chanson würde so heißen, der in jeder Rue und jeder Avenue aus den Fenstern klingen würde, gespielt von alten Plattenspielern, nicht vintage, nicht retro, sondern einfach echt alt, und Liebende würden ihn sich zärtlich ins Ohr flüstern und ihre Kinder danach benennen… und sie würden sich treffen nach einer langen sehnsuchtsvollen Zeit, an ihrem Gleis, wo sie sich Monate im Voraus verabredet haben …

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